"Operamania"

Die hohe Zeit meiner "Operamania" waren die 70-er Jahre, wo ich offensichtlich den Großteil meines Lebens in der Wiener Staatsoper verbrachte. Am Stehplatz und auch als Statistin hinter der Bühne. Diese Seite soll eine bescheidene Hommage werden an die Hauptprotagonisten dieses wunderbaren Lebensabschnittes! Aufführungen von einer Qualität, wie man sie heute nur erträumen kann, waren da an der Tagesordnung. Erstklassige Künstler gehörten schlicht und einfach zur "Hausbesetzung" - eine Art "goldenes Zeitalter" (Aufzählung beispielhaft - in beliebiger Reihenfolge und ohne Rücksicht auf Vollständigkeit): Birgit Nilsson, Piero Cappuccilli, Nikolaj Ghiaurov, Mirella Freni, Christa Ludwig, Placido Domingo, Sherill Milnes, Gundula Janowitz, Gianni Raimondi, Franco Corelli, Renato Bruson, Carlo Bergonzi, Theo Adam, Eberhard Waechter, Giacomo Aragall, Giuseppe Taddei, Cesare Siepi, Fiorenza Cosotto, Alfredo Kraus, Edita Gruberova, James King, Leonie Rysanek, Luciano Pavarotti, Jon Vickers, José Carreras, Hans Beirer, Franco Bonisolli, Carlo Cosutta, Vladimir Atlantov, Ruggiero Raimondi, Lucia Popp, Raina Kabaivanska, Nicolai Gedda, Sena Jurinac, Iliana Cotrubas, Peter Schreier, u.a.m.

 

Wiener Staatsoper

Einige besondere "Lieblinge" seien hier hervorgehoben und ich plane diese Zusammenstellung noch laufend zu ergänzen. Allerdings: Biografien über berühmte Sänger gibt es im Internet viele und es ist wohl überflüssig meinerseits abgeschriebene Fakten anzuführen. So habe ich eben einfach meine ganz persönlichen Erinnerungen und Eindrücke aufgeschrieben.

Birgit Nilsson als Brunnhilde

Foto: Birgit Nilsson als Brünnhilde (Foto: B.Nilsson) Soundbeispiel: Ausschnitt aus Beethoven - Fidelio - Arie der Leonore
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Birgit Nilsson

Sie ist das "Non-Plus-Ultra" des Singens für mich. Ihre glasklare Stimme, wie ein Laserstrahl bis in die letzte Ecke des Hauses dringend. Dramatischste Stellen ohne auch nur einen Hauch lächerlich oder überzogen zu wirken. Herrlichste Piani. Und eigentlich immer perfekt. Immer Aufführungen, die man - so wie sie sind - aufnehmen und aufbewahren sollte. Außer Tosca und Turandot hab ich sie in den italienischen Partien, die sie ja im ersten Teil ihrer Karriere sang nie live gehört. Nie die herrliche Aida, wie sie auf der Aufnahme mit Corelli verewigt ist, nie die Amelia im Maskenball und vor allem leider nie die Lady Macbeth. Vieles hab ich dann erst auf CD kennen und lieben gelernt.

Aber Birgit war unsere Brünnhilde, unsere Elektra, unsere Färberin in der Frau ohne Schatten. Und dies in einer Weise, dass ich die genannten Werke wohl nie wieder zu meiner Zufriedneheit mit jemandem anderen hören kann. Für mich persönlich absoluter Kult war Walküre - vor allem der letzte Akt mit Birgit und Theo Adam. Ich erinnere mich einer Aufführung, wo nach etwa einer Stunde Applaus der "Eiserne" heruntergelassen wurde. Es half nichts, der Beifall wollte noch lange nicht verstummen: Der Vorhang mußte wieder rauf und die Protagonisten sich noch einmal verneigen.

Die Nilsson war bei all Ihrer Perfektion und "Göttlichkeit" eine überaus sympathische, humorvolle und unkomplizierte Frau - und von einer natürlichen Herzlichkeit, die sie auch in ihrem Singen rüberbringen konnte. Sie hat sich verhältnismäßig früh aus dem Operngeschehen zurückgezogen, zu einer Zeit als sie noch ausgezeichnet war - aber sie war eben eine Perfektionistin.

Placido Domingo

Keinen hab ich in so vielen verschiedenen Rollen gesehen. Keinen hab ich erlebt, der sich offensichtlich so mit den Rollen identifizieren konnte. Keinen mit so starker Bühnenpräsenz, keinen der einen so packen konnte: Dahingeschmolzen bei "oh dolci mani" und mit der Angst gekriegt im Finale von I Pagliacci. Mit seiner Stimme, die ja manchen weniger gefällt, weil sie oft einmal ein bißchen gedeckt baritonal und nicht ganz so "offen" klingt, konnte er zu seinen besten Zeiten jedoch auch sichtlich machen, was er wollte und war einfach in jeder Partie herrlich. Natürlich war er auch noch ungeheuer fesch in jenen Tagen, ein bißchen dicklich vielleicht, aber mit jeder Menge männlicher Aussstrahlung. Und wenn der Prawy in seinem Buch schreibt, dass sich beim Domingo der Großteil der Frauen im Publikum wünschen, die Frau in seinen Armen zu sein, dann muß ich gestehen, dass da was dran ist. ;-)

Während meiner Statistenzeit durfte ich Placido oft hinter der Bühne, bei Proben, am Gang, im Lift etc. treffen. Mit seiner unkomplizierten, herzlichen Art flogen ihm alle Herzen zu und er gab jedem, den er traf, das Gefühl, in seiner Nähe willkommen zu sein. Unvergesslich die Story, wo er nach dem Eklat mit Bonisolli unter Karajan im Troubatour eingesprungen ist. Wenige Tage vor der TV-Übertragung. Manrico ist nicht seine stärkste Rolle - aber er war einfach toll. Die meiner Meinung nach beste "Konserve", die ich kenne ist eine DVD-Aufnahme aus Convent Garden von Hoffmann's Erzählungen - einzigartig.

Das letzte Mal auf der Bühne sehen durfte ich ihn als Siegmund vor einigen Jahren - und war wieder hin und hergerissen, obwohl manche Töne schon nachdenklich stimmten. Heuer war in der Staatsoper eine große "Abschiedsgala" - ich hab mich nicht hingetraut (das Waldbühnen-Konzert im TV vor einem Jahr hat mich ganz traurig gemacht) - möcht meine Erinnerungen nicht zerstören. Wenn man mich nach einem spontanen Bild fragt im Zusammehang mit Domingo, so sehe ich ihn vor mir im zerissenen Hemd auf der Engelsburg... e lucevan le stelle. Danke Placido für so viele schöne Erlebnisse.

Placido

Foto: Placido Domingo in Fedora (Foto: P.Domingo)

Soundbeispiel: Ausschnitt aus Offenbach - Hoffmanns Erzählungen
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Piero Cappuccilli

Foto: Piero Cappuccilli als Nabucco (Foto: P.Cappuccilli)

Soundbeispiel: Ausschnitt aus Verdi - Simone Boccanegra
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Piero Cappuccilli

Piero war mein eigentlicher Top-Favorit und absoluter Liebling zur Stehplatzzeit der 70-er Jahre. Sicherlich bin ich keines Sängers wegen so oft extra in die Oper gegangen. Fazit waren zahlreiche Troubatours, Rigolettos, Don Carlos und Simone Boccanegras. Oft ganz fantastische Aufführungen aber manchmal auch Piero im Kreise minderer Kollegen und ich hab halt dann den Troubatour lang auf das "Un balen" gewartet, um dann sehnlichst gewünscht, die Zeit anhalten zu können sowie von etlichen Carlos-Aufführungen mehr oder weniger nur die Kerkerszene gesehen bzw. von Aidas nur den Nilakt.

Natürlich war der Cappuccilli ganz objektiv einer der besten Sänger seiner Generation, ausgestattet mit einem Stimmorgan, das gleichsam von dramatischer Wucht und von ungeheurer Piano-Zärtlichkeit sein konnte. Er war ein durchaus temparamentvoller Bühnendarsteller, wenn auch als Mann etwas klein geraten. Letzteres wiederum für Rigoletto natürlich ein Vorteil ;-) Was mich an dieser Stimme so fasziniert, ist jedoch völlig subjektiv - Pieros Singen geht mir nahe wie es überhaupt keine andere Stimme vermag und ich habe mich noch lange nicht sattgehört.

Persönlich war Cappuccilli ein eher ruhiger, bescheiden wirkender, uneitler Mensch. Typisch dafür ist auch, dass es keine einziges extra im Studio aufgenommenes Arien-Album von ihm gibt. Sich selber darzustellen und sich zu produzieren lag ihm nicht. Er war immer im Dienste eines Gesamtwerkes tätig. Dankenswerter Weise hat er in dieser Weise, vor allem in der Zusammenarbeit mit Karajan, an einer Reihe von legendären Produktionen teilgenommen und so sind doch viele wunderbare Aufnahmen erhalten. Die Rigoletto-Aufnahmen sämtlicher Weltklasse-Baritone hab ich allerdings sorgsam verglichen. So herrlich viele sind - in dieser Rolle gilt eindeutig eines: "Es kann nur einen geben!"

Gianni Raimondi

Auch sein Singen hat irgend etwas, das in besonderer Weise mein Herz berührt. Ich kann das nicht begründen, aber Giannis Stimme zaubert immer spontan ein glückliches Lächeln auf mein Gesicht. Er war ja der legendäre Rudolf der Karajan/Zefirelli-Bohéme und in dieser Rolle durfte ich ihn wiederholt sehen und natürlich hören. Im zweiten Akt hatte ich als Volk von Montmatre auf der Bühne zu prominieren, aber wenn der Raimondi gesungen hat, hab ich manchmal das Honorar ausgelassen und war lieber im Zuschauerraum. Jedenfalls war es Pflicht, die restlichen Akte von der ersten Gasse aus anzuhören. Das war ja zu einer Zeit, wo er diese Rolle schon weiß ich wie oft gesungen hatte, doch war er nach wie vor mit aller Hingabe dabei. Das konnte man gerade hinter der Bühne voll miterleben: Mimi stirbt in seinen Armen, der Vorhang fällt, Applaus. Dann hat es einige Zeit gedauert, wo er hinter der Bühne in einer Ecke veschwand - sichtlich um sich zu beruhigen, bis er sich verneigen konnte. Nach meiner ersten Bohéme mit Gianni - ich glaub ca. 1970 oder 71 - hab ich beim Bühnentürl auf ihn gewartet. Er hat einen Strauss weißer Nelken, die ihm ein Fan zugeworfen hatte, unter den wartenden verteilt und ich hab eine davon ergattert. Zu Hause sorgsam getrocknet und in dem Schächtelchen mit diversen Autogrammfotos viele Jahre aufbewahrt.

Dass der Raimondi natürlich nicht nur Rudolf, Kalaf und Cavaradossi ist, sondern vor allem in jungen Jahren herrlichst sämtliche Belcanto-Partien verkörpert hat, hab ich dann erst im Laufe der Zeit anhand von Platten- und CD-Aufnahmen gelernt. Eine helle, offene Stimme mit völlig müheloser Höhe. Gerade Belcanto wird oft zu "gepflegt" fast etwas "gespreizt" gesungen, was mir dann nicht so gefällt. Nicht Gianni - er singt Bellini und Donizetti mit einer jungenhaften unbekümmerten Herzlichkeit - die einfach ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert, dessen ich mich nicht erwehren kann.

Gianni Raimondi

Foto: Gianni Raimondi - privat in der Oper
(Foto: G. Raimondi)

Soundbeispiel: Ausschnitt aus Puccini - La Boheme
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Ghiaurov

Foto: Nikolaj Ghiaurov - als Mephisto (Foto: N.Ghiaurov)

Soundbeispiel: Ausschnitt aus Verdi - I Vespri Siciliani
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Nikolaj Ghiaurov

"Niki", wie er von den Fans, zu denen ich mich ruhig zählen kann, liebevoll genannt wurde, war ohne Zweifel lange Zeit (und das gilt wahrscheinlich bis heute) die unbestrittene "Number One" seines Faches - "Il Re di Basso". Welch herrlicher Philipp, Fiesco, was für ein Boris! Besonders gemocht hab ich ihn immer als Mephisto in Gounod's Margarethe, wo er sichtlich - vor allem in der Gartenszene - großen Spaß an seiner Rolle hatte. Packend die dramatischen Bühnen-Auseinandersetzungen Fiesco-Simone sowie Philipp-Posa mit Piero Cappuccilli als kongenialen Partner. Szenen, von denen ich nie genug bekommen kann. Es gibt beides dankenswerterweise in wunderbaren CD-Aufnahmen zum immer wieder Hören.

Und diese Stimme! Mit ihrem männlich, kraftvollem, markanten Timbre, die einem jungen Mädchen schon einmal die Knie weich werden ließ :-) Dabei technisch wunderbar geführt und mit erstaunlichem Umfang.

In Wien war Ghiaurov viele Jahre lang sehr eng dem Ensemble verbunden und wir durften ihn daher oft hören. Auch in "kleineren" Rollen - wie den Banquo in Macbeth. Apropos kleinere Rollen: Auf der Rigoletto CD mit Cappuccilli singt er den Sparafucile - also noch einmal eine packende Szene mit Piero! Ober er diese Rolle je auf der Bühne gesungen hat, weiß ich allerdings nicht.

Meine beiden vorwiegenden Assoziation mit "Niki" werden immer Philipp und Boris bleiben. Beides tragische Herrschergestalten und Rollen, die er nicht nur unüberbietbar gesungen sondern auch eindrucksvoll - und zum Beispiel in der Philipp-Arie oder in Boris' Tod - ergreifend, aber ohne jeden Anflug von Rührseligkeit dargestellt hat.

Theo Adam

Das erste Mal hab ich ihn als Pizarro in dem legendären Fidelio unter Bernstein 1970 in Theater an der Wien erlebt. Eine Rolle, in der ihm bis heute keiner das Wasser reichen kann! Später folgte bald eine Serie von Fliegenden Holländer-Aufführungen, von denen ich keine ausließ.

Schließlich Legende und Kult war für mich sein Wotan! Wie oben schon beschrieben mit Birgit Nilsson als Brünnhilde in Walküre ... "Der Augen leuchtendes Paar, das oftmals ich lächelnd gekost!" Ein Wotan übrigens, dem nicht das etwas "onkelhafte" Flair manch anderer großer Darsteller anhaftetet, einer dem man zutraute, dass er mit Erda die tollen Wunschmädchen gezeugt hatte ;-)

Adam war auch ein hinreißender Amfortas, ein Barak in Frau ohne Schatten, ein wunderbarer Hans Sachs und nicht zuletzt Orest in Elektra. Ein Wagner-Sänger und Sänger des deutschen Faches noch der "alten Schule", wo Wortdeutlichkeit ein Teil der Sangeskultur darstellte. Natürlich besitze ich beide Ring-Aufnahmen in meiner "kultverdächtigen Besetzung" - jene unter Solti und den Böhm-Ring, der in heutigen Zeiten immer wieder verblüfft, handelt es sich doch um Live-Mitschnitte aus Bayreuth.

Theo Adam scheint neben Domingo der einzige auf diese Seite zu sein, der noch am Leben ist. Vor nicht allzu langer Zeit sah ich eine TV-Sendung, wo er über Liedgesang und seine Lehrtätigkeit referierte.

Theo Adam

Foto: Theo Adam - als Hans Sachs (Foto: T.Adam)

Soundbeispiel: Ausschnitt aus R.Wagner - Die Walküre
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Corelli

Foto: Franco Corelli - "looking very handsome"
(Foto: F. Corelli)

Soundbeispiel: Ausschnitt aus Giordano - Andrea Chenier
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Franco Corelli

Der Glanz seiner gottbegnadeten Stimme war schon etwas verblaßt, als ich ihn in Wien live auf der Bühne sah. Als Don Carlos in der Schenk-Produktion unter Host Stein. So bleibt auch er mir in zerrissenem Hemd in Erinnerung - allerdings nicht auf der Engelsburg sondern im Kerker der Inquisition. Zur gleichen Zeit gab es auch im Musikverein einen Abend mit Corelli und Renata Tebaldi, was zwar schön war, aber eher historischen Wert hatte.

Das wirklich Sensationelle hab ich nur auf Platten und CDs kennen und lieben gelernt - und ich halte ihn für "die Tenorstimme" seiner Zeit! Unglaublich und einfach von der Natur begnadet. Natürlich die tollste Troubatour-Stretta, die man sich vorstellen kann, der wunderbarste Radames (Aufnahme mit Nilsson als Aida !), der packendste Don José, Cavaradossi und vieles mehr. Wirklich Kult sind für mich zwei Rollen: Der Andrè Chenier, wo ich z.B. "Un di del azurro" schon zig-mal gehört habe und immer wieder ganz weg bin und die Rätsel-Szene aus der Turandot mit Birgit Nilsson - ein wahrer Zweikampf der Giganten!

In all seiner leidenschaftlichen Art zu singen neigte der gute Franco allerdings zu wilden Übertreibungen und exzentrischen Tempi, womit er sicherlich somanches Ensemble zur Verzeweiflung brachte. Zu hören auf vielerlei eindrucksvollen doch oft recht originellen Live-Aufnahmen. Auf Platten und CDs ist er immer dort am besten, wo die starke Hand eines Dirigenten entsprechend waltet.

Franco hat sich - sichtlich sehr selbstkritisch - relativ früh aus dem Operngeschehen zurückgezogen. Ich freu mich sehr, dass ich ihn überhaupt noch live erleben durfte!

geändert im Juli 2007 - ewie

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